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Bangkok

Eine Stadt wie ein Zyklop. Gigantisch und mit riesigem Herz

Die Hauptstadt Thailands kennt sich mit Superlativen aus. Tag und Nacht schieben sich Millionen Menschen durch den Koloss, vorbei an Wolkenkratzern, Märkten und goldenen Tempeln. Mitten im Chaos geschieht das Wunder: Die Menschen lassen sich nicht verrückt machen – und nehmen das Leben mit einem Lächeln.

Es ist nicht ganz einfach, den Riesen Bangkok in seinen Dimensionen zu erfassen. Das geht schon mit dem Namen los. Er steht im Guinness-Buch der Rekorde – mit 23 Worten der längste, den eine Stadt je bekommen hat. Übersetzt heißt er so viel wie: „Stadt der Engel, Stadt der Unsterblichen, Stätte der neun Juwelen, Sitz des Königs, Heimat zahlloser Paläste“. Das alles in einem Atemzug.

Nicht nur im Namen der Stadt wurzelt das Prinzip des Ausschweifens. Bangkok ist zur größten Agglomeration Thailands angeschwollen. Zu einem der kolossalsten Lebensräume Asiens. Auf 1.600 Quadratkilometern, fast der doppelten Fläche Berlins, spreizt sich die Kapitale in alle Himmelsrichtungen. Seit den 1960er-Jahren ist das Zentrum explodiert. Die Stadt und zwei Provinzen verschmolzen, woraufhin sich die Stadtplaner immer neue Masterpläne einfallen lassen mussten, um dem Wachstum Herr zu werden.

Fast 1.700 Kanäle durchziehen die Stadt und bringen es auf eine Gesamtlänge von 2.600 Kilometern. Sogar das Wasser ist besiedelt: schwimmende Märkte, schwimmende Häuser, schwimmende Restaurants – die findigen Bewohner nutzen jeden Quadratmeter. Heute leben in der Stadt um die 11, in der Metropolregion an die 16 Millionen Menschen.

Annähernd 400 Tempel, sogenannte Wats, stehen in der Stadt, in über 300.000 Hotelzimmern können Gäste aus aller Welt übernachten. Die Zahl der Shopping-Malls und Noodleshops ist quasi endlos. Die der Street-Food-Stände und Massagesalons völlig unüberschaubar.

Nichts, was es in Bangkok nicht gibt. In allen Farben, Größen und Formen.

Gut 180 Wolkenkratzer ragen in den Himmel über Bangkok, wobei gleich mehrere die 300-Meter-Marke sprengen und ständig neue hinzukommen. Wer glaubt, auf den Dächern nur schicke Rooftop-Bars vorzufinden, liegt falsch. In Bangkok gehört auch das zum Standard: Rooftop-Dining, Rooftop-Dancing, Rooftop-Tennis, Rooftop-Fitness. Das alles am besten 24/7, eingerahmt von Palmen, Wasserfällen und gläsernen Fronten.

In diesem Duktus geht es weiter. Think big? Think Bangkok!

Die Chinatown der Stadt ist die größte auf Erden. Die Gassen, Shops und Garküchen bilden ein Universum für sich. Tag und Nacht fräsen sich die Menschenmassen durch das Labyrinth aus Märkten und Nippesbuden. Vor allem die Sampang Lane ist ein Ozean der Waren. Hier muss man nur seine Arme ausstrecken, schon hält man links eine Tüte mit frittierten Froschschenkeln in Händen, rechts ein Paar giftgrüne Flipflops mit lilafarbenen Bommeln.

Nichts, was es hier nicht gibt. In allen Farben, Größen, Formen. Mitten im Getümmel thront Phra Sukhothai Traimit: mit fünfeinhalb Tonnen die weltweit massivste Buddha-Figur aus purem Gold.

Berüchtigt der Verkehr. An die zehn Millionen Autos und Mopeds kurven durch die Stadt – jeden Tag kommen tausend hinzu. Vierstöckige Highways winden sich durch das Getöse, vierzehnspurig schieben sich die Autokolonnen durch das Meer aus Hochhäusern, Balkonen, Stromleitungen, flatternder Wäsche und dampfenden Lokalen.

Auf 1.600 Quadratkilometern spreizt sich die Kapitale in alle Himmelsrichtungen. Berlin passt da fast zweimal hinein.

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Think crazy, think Bangkok! Und das alles bei verschärften Bedingungen. In dem von himmelhohen Werbespots durchtränkten Tohuwabohu gilt Bangkok obendrein als heißeste Metropole des Planeten. Höchsttemperatur im Sommer: an die 40 Grad. Die Bewohner nehmen die Hitze gelassen: „Hey, this is Bangkok!“

Nach einem Streifzug durch die Stadt stellt sich der Fremde bald eine Frage: Wie kann das alles funktionieren? Muss ein Zyklop wie Bangkok nicht irgendwann kollabieren?

Wer aus dem ländlichen Norden kommt und aus Saraburi nach Bangkok hineinnavigiert, bekommt einen Eindruck davon, welche Logistik nötig ist, damit der Megalopolis nicht die Puste ausgeht. Auf der Fahrt wird einem klar: Die Stadt beginnt schon 120 Kilometer, bevor man überhaupt in die Nähe des Zentrums kommt.

Aus den Bergen im Nordosten lugen Staudämme, Kraftwerke, Fördertürme, Pipelines, Turbinen, Wasserreservoirs und Windkraftanlagen. Bangkok ist ein Energieriese – der immerfort gespeist werden will.

Bald tauchen erste Wohnhäuser auf. Gefolgt von Autohäusern, Werkstätten, Lagerhallen, Fabriken, Produktionsstätten. Über den Straßen wuchern die Stromleitungen, verknoten sich zu Strängen, die zusammengerechnet eine Länge von Tausenden Kilometern erreichen. Die Kabel hängen an Masten, baumeln von den Häusern. Bangkok ist von einem solchen Wust offener Leitungen durchwirkt, dass mehrere Versuche scheiterten, das Chaos zu bändigen und wenigstens teilweise unter die Erde zu verlegen.

Erst nach zwei Stunden Fahrt beginnt die eigentliche Stadt. Glasfronten türmen sich auf. Plakatwände so groß wie Fußballplätze. Meter um Meter wird der Besucher ins Innere der Metropole gespült. Skyscraper stoßen empor, bilden Canyons voller Reklame. Stoßstange an Stoßstange geht es in den brodelnden Talsenken vorwärts, hinein in eine Kakofonie aus Licht und tausend Gerüchen. Ab hier beginnt der Dschungel der Großstadt.

Und immer lauter wird die Frage: Wie kann das alles funktionieren?

Die Einwohner dieser Stadt nehmen ihre Größe leicht. Freundlichkeit. Ja, so funktioniert der Riese. Und vielleicht sogar nur so.

Einen anderen Eindruck von Bangkok bekommt, wer im Fahrstuhl auf den 250 Meter hohen State Tower gleitet. Im 54. Stockwerk führen blau beleuchtete Treppen ins Freie, über Glas wandeln die Gäste zu einer Lounge, gelegen im Himmel über Bangkok. Die Sky Bar im Lebua Hotel ist eine der entrücktesten Schankstätten der Welt. Wasser plätschert, Jazz perlt. Es gibt kühle Drinks, ein tropischer Wind weht, als über Bangkok eine rote Sonne sinkt.

Von hier oben aus gleicht die Stadt einem Ozean funkelnder Juwelen. Am Suvarnabhumi Airport starten die Jumbos, fliegen in die Welt, über der Stadt kreisen die Helikopter. Im Westen, Osten, Süden, Norden: Überall ragen Wolkenkratzer in den Nachthimmel, summieren sich zu eigenen Bankenvierteln, Börsenplätzen, Businessenklaven – und doch gehören sie alle zu Bangkok.

In der Tichuca Rooftop Bar, jenseits der 47. Etage im T-One-Building, ist man mittendrin. Hunderte Meter weiter unten schwitzt der Verkehr, strömen die Menschen durch die Nervenbahnen des nächtlichen Bangkoks. Hier oben weht eine warme Brise, zirkulieren Mikrothermiken zwischen den Stahlschluchten der Hochhäuser.

„Cosmiq Beach“-Sounds fließen über die Empore, Kellner schütteln Drinks unter einem glitzernden Dom aus Bast. Gegenüber liegen Gäste im 37. Stockwerk am Pool, drüben im Octave des Marriotts steigt 300 Meter über Bangkok eine von Lasern umzuckte Party. Menschen tanzen unter Sternen.

Ein Herr aus Hongkong lehnt an der mit Lotusblüten bepflanzten Balustrade. Er trägt rotes Seidenhemd, weiße Slipper und sagt den einzig noch möglichen Satz: „Bangkok? Don’t think. Just do it!“

Der nächste Morgen. Über Bangkok steht eine heiße Sonne. Über den Chao Phraya dampfen Frachtkähne, schaukeln Fähren. Grün windet sich der Fluss durch die Stadt, gesäumt von Tempeln, Riesenrädern und im Wasser schmatzenden Anlegern.

Drüben am Mandarin Oriental fahren klimatisierte Limousinen vor. Die Gäste sitzen hinter schwarzen Scheiben. Sie sind aus Tokio angereist, Nairobi, Paris, Frankfurt, Shanghai, Mumbai, aus aller Welt. In der Lobby schweben sie über illuminiertem Marmor, checken ein im nach Jasmin duftenden Spray der Ventilatoren. Eine der Taxi-Dschunken wird sie über den Fluss bringen, rüber nach Patpong, wo die Nightmarkets den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag machen.

Spätestens dort begegnet der Besucher einem weiteren Superlativ Bangkoks: den kulinarischen Galaxien dieser Stadt. Sinnlos, all die Gerüche und Gewürze zu beschreiben, die einen umzingeln. Die Fische, die Schweine. Die in Zitrus badenden Garnelen und die in Mangosaft bratenden Bambussprossen. Essen in Bangkok ist wie eine ständig verfügbare Orgie. Wie sagte der französische Starkoch Jean-Georges Vongerichten? „Ich kam 1980 nach Bangkok. Ich war 23, und es veränderte mein Leben.“

In einem offenen Lokal am Fluss sitzt am Abend Benya Hegenbarth. Zum Sundowner gibt es kaltes Bier, einen Teller mit Frühlingsrollen. Hegenbarth wurde als Sohn eines Deutschen in Bangkok geboren. Er lebte in England, Paris, den USA. Sechs Jahre lang arbeitete er in New York. Großstädte faszinieren ihn. Seit 15 Jahren ist er zurück in Bangkok. Sein Zuhause.

Hegenbarth spricht Englisch, Deutsch, seine Muttersprache ist Thai. Er arbeitet als Produzent in der Stadt, bereitet Werbefilme vor, sucht Drehorte, Menschen und Motive jenseits des Mainstreams.

„Mainstream?“ Hegenbarth muss lachen. In Bangkok ist der Mainstream von heute noch am selben Abend der Staub von gestern. „Bangkok ist schnell“, sagt Hegenbarth. „Die Trends, die Launen.“ Man müsse die Schlupfwinkel kennen, die Hinterhöfe, die kleinen Bars in 150 Metern Höhe und die Partys in den Nischen des Geschreis.

Es sei das, was Bangkok ausmache. Die Nuancen, die feinen Gesten im Gebälk der Millionenstadt. Oft betreut Hegenbart Fernsehteams, die den hoffnungslosen Versuch starten, erklärende Bilder dieser Stadt einzufangen. Die Frage ist – wo anfangen, wo aufhören?

„Bangkok ist eine wilde Stadt“, sagt Hegenbarth. „Gleichzeitig aber auch sehr offen und zugänglicher als manch andere Metropole.“ Und noch eines würde er an der Stadt mögen. Der deutsche Thai sagt: „Die Menschen sind freundlich, sie nehmen sich nicht so wichtig.“

Der letzte Satz klingt nach. Nach einigen Tagen werden diese Worte zum Soundtrack Bangkoks. Und dann, durchgeschüttelt von den Reizen, merkt es der fremde Besucher. Der Portier, der Tuktukfahrer, die Verkäuferin im Sushishop: Alle lächeln. Der Ticketabreißer auf der Dschunke, die Bartenderin im Himmel: Alle lachen. Um dich herum, über dir, unter dir, vor dir, hinter dir und neben dir: Alle machen Scherze, reißen kleine Witze. Es wird gegackert, es wird geschmunzelt. Die Einwohner dieser Stadt nehmen ihre Größe leicht. Eine Fröhlichkeit tragen die Bangkoker in sich und verschenken, was kein Geld kaufen kann. Sie lächeln. Und dann kapiert es der Fremde. Freundlichkeit. Ja, so funktioniert der Riese. Und vielleicht sogar nur so.
Wir bedanken uns bei InterContinental Bangkok, Sindhorn Kempinski Hotel Bangkok, Vertigo & Moon Bar at Banyan Tree Bangkok und Kross Padel Bangkok.
Marc Bielefeld
Marc Bielefeld
Autor
Vom Ballon in die Wüste, aufs Meer, ins Eis: In packenden Reportagen und Podcasts beschreibt der Autor faszinierende Reisen und trifft auf außergewöhnliche Menschen.
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Jens Görlich
Jens Görlich
Fotograf
Große Momente, stilles Glück, bewegende Szenen: Der Fotograf aus Frankfurt ist mit seiner Kamera hautnah dabei und fängt ein, was Worte nicht sagen können.
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Lufthansa Aluminium Collection
Lufthansa
Aluminium Collection

Reisebegleiter
Heiße Bürgersteige, wuselnde Märkte, endlose Malls: Mit seinen abriebfesten Flüsterrollen fühlte sich der Koffer auch im asiatischen Großstadtdschungel rundum wohl.

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