
„Eine typische Wetterlage“, sagt Osvaldo Torres. „Ein Tiefdruckgebiet jagt das nächste.“ Torres trägt eine grüne Daunenjacke mit großer Kapuze. Wenn nötig, kann er seinen Kopf darin verstecken wie in einer warmen Höhle.
Torres kennt sich aus mit den Winden, mit den Wellen, mit der Einsamkeit. Er kennt die Felsen hier unten, das Land, auf dem weiter südlich keine Häuser mehr stehen und keine Straße mehr existiert. Er kennt die Albatrosse, die Wale. Und er weiß: Hier am Beagle-Kanal geht es noch. Noch weiter unten jedoch, am südlichsten Kap der Welt, soll es mit weit über 100 Knoten blasen. Windstärke 16.
Die Männer und Frauen im südlichsten Yachthafen der Welt bringen Leinen aus, vertäuen ihre Schiffe doppelt und dreifach, damit über Nacht alles hält. Oben am Hang beginnen die Laternen zu zittern, ein erster Regenschauer marschiert durchs Dorf. Puerto Williams ist der südlichste Ort der Welt und in erster Linie ein Stützpunkt der chilenischen Marine. Zwei Supermärkte gibt es hier, zwei Restaurants, eine Handvoll Pensionen für weitgereiste Trekkingtouristen. Ansonsten: nur ein paar windschiefe Häuser.
Weiße Berge und blaue Buchten, der Himmel ein Gemälde aus Wolken. Die vom Wind zerfetzte Schönheit Feuerlands ist zur Saga geworden.


Über zwanzig Flugstunden muss in Kauf nehmen, wer aus den gemäßigten Breiten Deutschlands hierherreisen will. An die Südspitze Südamerikas, wo jenseits von Patagonien nur noch ein paar Brocken Erde in den fünf Grad kalten Ozean ragen. Kormorane fliegen im Wind, durch den Beagle-Kanal ziehen Orcas und Buckelwale. Gegenüber erheben sich die Berge Argentiniens. Flanken voller Eis und Schnee.
Früher kämpften Klipper und Windjammern wochenlang im Sturm, um das Kap zu umrunden. Gut 800 Schiffe sollen im Laufe der Jahrhunderte hier gesunken, an die 10.000 Seeleute ertrunken sein. Charles Darwin hat einmal über die Kapregion gesagt: „Selbst der Teufel würde in dieser Hölle erfrieren.“
Er macht nicht viele Worte. Alle kennen ihn hier. Niemand ist öfter um das sagenumwobene Ende der Welt gesegelt als er. Inzwischen sind es 114 Umrundungen. Seinen Spitznamen trägt er aus gutem Grund: Mister Kap Hoorn.

Torres begreift diese herbe Ecke des Globus nicht als Rekordziel oder Superlativ – sondern als Refugium der Freiheit.

Bis zu sechs Passagiere kann Torres an Bord nehmen. Gäste aus aller Welt, die einmal hier unten in der Region von Kap Hoorn segeln und die ehrfurchtgebietende Natur mit eigenen Augen sehen wollen. Darunter Segler und Nichtsegler, Forscher und Filmteams, abenteuerlustige Menschen, denen das Ende der Welt als entrücktes Traumziel gilt.
In fünf Tagen wird ein spanischer Ozeanograph an Bord kommen, der die chilenischen Gletscher im Westen des Beagle-Kanals anlaufen möchte. Für Torres sind diese Törns einerseits Auftragsreisen. Vor allem jedoch sind sie ihm eine Herzensangelegenheit. Denn Torres hat sich schon als kleiner Junge in Kap Hoorn verliebt.


Der Fin del Mundo, die menschenleere Weite im tiefsten Süden Chiles, ist nicht nur die Landschaft seiner Sehnsüchte. Sie ist die Entsprechung seines mutigen und abenteuerlichen Lebenswegs.
Torres erzählt von Schwertwalen und Minkwalen, als er seine Yacht vorbereitet. Draußen brüllt der Wind. Regen, Schauer, Graupel, Sonne, Wolken. Oder wie die Einheimischen sagen: „Wenn du das Wetter bei uns nicht magst, dann warte fünf Minuten.“
Osvaldo Torres wurde in einem Bergdorf der Anden groß. Seine Eltern waren mit den Kindern vor der Diktatur der Pinochet-Ära dorthin geflohen. Im Land wurde gefoltert, gemordet. Unzählige Menschen verschwanden in jenen dunklen Jahren, wurden zu Desaparecidos.
Der kleine Torres, früher dünn wie Spaghetti, verbrachte seine Jugend notgedrungen in der Nähe von Huépil, einem winzigen Dorf am Fuße des verschneiten Antuco-Vulkans. Eine arme und karge Region, die der Familie als Unterschlupf diente. Hirten lebten hier, viele der Kinder hatten noch nie ein Auto gesehen. Doch eines stand für den jungen Torres schon früh fest: Er wollte kein Bauer werden, wollte sein Leben nicht den archaischen Strukturen der chilenischen Anden unterordnen.


Er ist 14, als er sich bei der Marine bewirbt und die beinharte Ausbildung antritt. Er wird zum jüngsten Matrosen der chilenischen Marine. Der Rest ist Geschichte. Eine außerordentliche Biografie. Der Weg vom verbannten Bergjungen zu jenem Mann, der mit allen Wassern gewaschen ist.
Torres besteht die Schule der Armada de Chile. Eisbäder am Morgen, täglicher Drill auf dem Appellplatz. Bald kreuzt er auf einer Fregatte durch den Pazifik, wird zum dekorierten Funker und besteht weitere Tests mit Bestnote. Der Weg steht ihm danach offen. Torres darf sich einen Posten aussuchen.
Sie nennen ihn Mister Kap Hoorn. Er macht nicht viele Worte. Alle kennen ihn hier. Niemand ist öfter um den Fin del Mundo gesegelt.
Immer besser lernt er die Region Magallanes kennen. Den Beagle-Kanal, die windgepeitschten Bergrücken der Isla Wollaston. Am Ende bleibt Torres nicht nur zwei Jahre – er wird diesem magischen Ort für immer treu bleiben. Erst bei der Marine, dann als Leuchtturmwärter, später als Skipper – und schließlich als Kapitän seiner eigenen Yacht, die er sich im Laufe der Jahre hart erarbeitet.
Eine enorme Biografie. Nichts für schwache Nerven.


Torres schließt die Luke zum Niedergang und steigt in den Salon seiner Goya III hinab. Draußen geht ein Schauer nieder, die chilenische Flagge am Heck rast im Wind. „Nur eine Bö“, sagt Torres. „Nichts Ernstes.“ Seit über 25 Jahren besegelt er nunmehr die Seegebiete um das berühmteste Kap der Welt. Leitet Expeditionen, nimmt Crews aus aller Welt mit. Ein weiter Weg. Die Flucht, die Berge. Der Ausbruch, die See.
Die ganze Nacht könnte er erzählen. Von Yachten, die im Orkan driften und verloren sind. Von türkisen Eisbergen, von blauen Buchten und Ankerplätzen, wo morgens die Pinguine im Wind stehen und sich zu Hunderten wärmen.
Dann begibt sich Mister Kap Hoorn auf seine Koje, wirft vorher noch einen schnellen Blick auf den letzten Wetterbericht. 40 Knoten aus West, tagsüber auffrischend. „Wenn wir morgen loswollen, müssen wir sehr früh aufstehen“, sagt er noch. „Sonst wird es ungemütlich.“
Zaudern ist hier draußen keine gute Sache. Unentschlossenheit keine Wahl. Und eines hat Osvaldo Torres gelernt, vom Wind und nicht nur von ihm. Man weiß im Leben nie, was kommt.









