Oasen: Das magischste und älteste Reiseziel der Welt
Hinter den Gipfeln von Jebel Akhdar führen staubige Pisten in die Wüste, hinein in eine Welt, die hinter dem Hochland schwebt wie ein Trugbild. Irgendwo dort wartet unsere Destination. Ein magischer Ort. Seit Jahrtausenden das archetypische Sehnsuchtsziel schlechthin. Wer es früher auf seiner weiten Reise nicht erreichte, bezahlte oft genug mit dem Leben.
Viele Märchen ranken sich um unser Ziel. Eine Stätte zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Wunsch und Verdursten. Nichts steht so sehr für das Ankommen nach dem Aufbruch. Wenn einem Ort auf Erden der Zauber des Unterwegsseins anhaftet, dann diesem: der Oase. Eine grüne Enklave in der Wüste, gespeist durch eine lindernde Wasserquelle. Ein Hafen in der menschenfeindlichen Weite.
Heute gipfelt das alte Bild in allerlei Überhöhungen. Oasen gibt es wie Sand in der Wüste: Wohlfühloasen, Steueroasen, Geldoasen. Oasen der Ruhe, Oasen der Einkehr. Man fragt sich, wie viele Bars auf der Welt das Wort Oasis in sich tragen, wie viele Wellnessbereiche, Erfrischungsgetränke und Urlaubsziele sich mit der Vorstellung einer Oase schmücken. Was aber hat das mit der Wirklichkeit zu tun?
Wer heute zu einer echten Oase will, muss das Reich der Verheißungen verlassen, um zur Quelle zu gelangen.
Maskat am Morgen. Die weiße Stadt am Meer, von Sonne übergossen und flach an die Saumkante des Golfs von Oman gebaut. Um halb fünf in der Früh singt der Muezzin die Hauptstadt des Omans in den Tag.
Am Fischmarkt von Muttrah wuchten Träger mächtige Thunfische zur Auktionshalle. In den Suqs dampft Weihrauch, Berge aus Sandelholz und Datteln liegen aus. Die Hitze ist gewaltig. Schon an diesem Morgen im Mai herrschen 40 Grad im Schatten.
Wer eine Oase sucht, wird in der Hauptstadt zeitgenössische Interpretationen dieses Orts finden. Die Große Sultan-Qaboos-Moschee. Weiß und elegant steht die Architektur in der Sonne. Eine moderne Oase des Glaubens. Nicht weit die Königliche Oper von Maskat. Opulent und doch arabisch schlicht. Schneeweiß, schattig, wunderschön. Berühmte Opern und Ballette werden hier aufgeführt. Klassik, Jazz, Pop. Auch dies eine Oase, wenn man so will. Ein Refugium der Kunst, der Musik.
Und doch haben solche Prachtbauten mit unserem magischen Ziel wenig zu tun. Nur echte Oasen schaffen das Wunder: Leben ermöglichen, wo eigentlich kein Leben möglich ist.
Am nächsten Morgen fährt Mustafa Khamis Al Ruzeiqi mit einem weißen Geländewagen vor. Mustafa ist unser Guide. Er wird uns zu den grünen Mirakeln bringen.
Hinter Maskat dünnt sich die Welt aus. Die Canyons werden enger, die Welt verwegener. Steile Bergrücken, Schluchten voller Felsen und Geröll. Steinadler fliegen in der Thermik, in den winzigen Dörfern sind kaum Menschen zu sehen. Da ist nur der heiße Wind.
Mustafa sagt: „Es hat die Jahreszeit begonnen, in der der Körper von innen zu schwitzen beginnt.“ Draußen scheinen wir derweil durch eine andere Zeit zu fahren. Arabien wie vor tausend Jahren.
Heute würde kaum einer mehr ohne Klimaanlage auskommen, erzählt Mustafa. Und spricht inzwischen vom „Boiling Brain“-Syndrom. Von jenem Zustand, wenn es sich weit jenseits der 40 Grad so anfühlt, als würde der Mensch verdampfen.
Draußen ragen 3.000 Meter hohe Gipfel empor. Plateaus aus Kreide, Millionen Jahre alte Ophiolithe. Steinwüste. Eine faszinierende, aber auch bedrohliche Welt. Staubtrocken und fast jeder Feuchtigkeit beraubt. Unser Ziel, die Oasen, macht das nur noch rätselhafter. Was soll hier draußen noch gedeihen?
Wir navigieren ins Wadi Bani Awf, eine Schlucht, durch die unser Automobil wie ein alter Esel schaukelt. Mustafa lenkt den Wagen durch eine Senke, dann kommt ein Mysterium in Sicht: ein Baum! Blätter, Zweige. Ein grünendes Etwas im Backofen. Bald kommen schmale Terrassen in Sicht, die sich an die Felsen schmiegen. Dann taucht die erste Oase auf. Ein Garten voller Palmen! Mustafa sagt: „Willkommen in Bilad Sayt.“
Das alte Dorf liegt in einem Wadi. Das arabische Wort bedeutet so viel wie Tal und bezeichnet ein ausgetrocknetes Flussbett. Doch woher die Vegetation? Die Palmen, die Datteln? Seit Monaten hat es nicht geregnet.
Zwei alte Männer kommen von der Moschee, drei Kinder sitzen neben einem Auto im Schatten. Das Dorf ist auf die Felsen gestreut wie eine Ansammlung heller Quadrate. Die Häuser aus Lehm und Stein, verbunden durch einen Irrgarten steiler Treppen. Darunter liegen grüne Felder. Eine zarte Form der Landwirtschaft. Der mutige Versuch, hier draußen in der Steinwüste etwas anzupflanzen.
Im Abendlicht krallt sich das Bergdorf an den Hang. Ringsherum Kessel heißer Berge. Die Palmen tragen Datteln, Bündel gelber Früchte. Und bald beginnt die Ernte, mitten im Sommer.
Ich muss an all die Anzeigen denken. Für Ferienwohnungen, Hotels, Yoga-Retreats. Gepriesen werden sie als „Oasen des Glücks“, „Oasen der Sinne“, „Oasen der Entspannung“.
Hier im Oman gewinnt der Begriff an Schärfe. Eine Oase ist nichts Geringeres als der Versuch des Überlebens. Das heikle Experiment, der Erde Fruchtbarkeit abzuringen. Die Oase als folgenschweres Reiseziel. Wer früher hier ankam, lechzte nach Wasser. Wer es hierher schaffte, hatte in der Regel eine Tortur hinter sich. Doch wer es fertigbrachte, seine Karawane zu dieser Stätte zu lotsen, durfte vom Weiterreisen träumen.
Wir fahren tiefer in den Oman. Bald kommen wir zu den nächsten Oasen, an denen sich größere Ortschaften angesiedelt haben. Al Hamra, Nizwa, die Oasenstadt Bahla, eine der ältesten Königsstädte des Landes. Und jetzt werden sie noch üppiger und ausladender: Gärten voller Palmen, Plantagen voller Datteln. Die Menschen pflanzen Mangos und Zitronen an, ernten Papayas und Orangen, Gurken und Karotten.
Wir können es kaum fassen. Vor uns ein Dickicht mächtiger Palmen. Die Bäume kühlen, atmen eine Idee von Feuchtigkeit aus und schenken, was sonst absolute Mangelware in der Wüste ist: Schatten. Hunderte Meter weit ziehen sich die Plantagen. Ein Meer aus Wipfeln, gelegen in der ockerfarbenen Weite wie eine Halluzination.
Oasen sind sensible Gebilde, mitnichten eine Selbstverständlichkeit. Es existieren Flussoasen, Foggaraoasen, Grundwasseroasen, Quelloasen. Manchmal hat allein die Natur eine Oase erschaffen. Regen, der sich über lange Zeiträume ansammelte und eines Tages eine artesische Quelle bildete.
In vielen Fällen musste der Mensch nachhelfen. Musste Brunnen bauen, Bewässerungskanäle ausheben. Meter um Meter, Stein für Stein. Erst dann konnte der Anbau von Pflanzen beginnen – jeder Tropfen Wasser ein Schatz. Der Mensch musste überaus behutsam damit umgehen. Ohne Wasser kein Leben. Die Oase ist darum auch weit mehr als nur ein buntes Symbol für Ruhe und Entspannung. Die Oase steht für Elementares: To be or not to be. Sein oder Nichtsein.
In den heißen und trockenen Ländern der Erde wusste man schon immer um diese existenzielle Frage. In der Landesflagge des Oman symbolisiert der grüne Streifen aus gutem Grund die heimische Vegetation. Das Grün steht für Fruchtbarkeit inmitten der Wüste.
Der nächste Morgen. Das Thermometer im Auto zeigt einen neuen Rekordwert: 49 Grad Celsius im Schatten. Mustafa sagt: „The heat is crazy!“ Die Hitze ist nur noch verrückt!
Am Mittag kommen wir nach Misfah al Abriyyin. Ein mittelalterliches Dorf auf den Klippen, das über einem Palmengarten schwebt wie ein Nest in luftiger Höhe. Die Techniken der Oasenwirtschaft gibt es hier seit über 2.000 Jahren. Noch immer versorgen alte Bewässerungskanäle die Plantagen, auf denen Datteln, Oliven und Mangos wachsen.
Auf der Terrasse treffen wir Abdullah Al Abri. Er stammt aus einer Familie, deren Wurzeln über tausend Jahre zurückreichen. Seine Urgroßväter haben die Palmen und Felder über die Jahrhunderte angelegt und bewirtschaftet. Abdullah Al Abri kennt die Traditionen, die Bräuche.
„Bis 1972 gab es nicht mal Uhren im Dorf“, erzählt er. Zur Schule mussten sie zu Fuß. Runter ins Tal und wieder hoch. Ein täglicher Marsch unter der brennenden Sonne. Dafür wusste Al Abri schon früh, wie man Honig erntet, wie man aus den Datteln süßen Sirup gewinnt. Statt Influencer kannte er die Ziegen beim Namen. Und eines weiß er bis heute: „Das Wasser bedeutet alles, es ist wertvoller als alles Gold und Öl der Erde.“
Am nächsten Tag erreichen wir Rimal Al Wahiba, wo das große Sandmeer beginnt. Orange Dünen, so weit das Auge blickt. Am Abend kommt Wind auf. Ein feiner Staub, der bis in die Ohren fliegt. Später, in einer Senke beim Camp, taucht Achmed auf. Er stammt aus einer alten Nomadenfamilie und kümmert sich um die Kamele des Clans. Morgen will er in die Wüste aufbrechen. Acht Tage ohne ein Ufer, ohne einen Baum.
„Kein Problem“, sagt Achmed. Er brauche keinen Kompass, keine Karte, keinen Sonnenschirm. „Ich bin so aufgewachsen.“ Für die Nacht legt er eine Decke aus. Legt sich neben die Kamele in den warmen Sand und schläft. Seine Oase sind die Sterne. Das Universum als mentales Refugium.
Wir erreichen die zwei letzten Stationen. Unser Ziel in seiner schönsten Form: Wadi Shab und Wadi Bani Khalid.
Die beiden Oasen liegen in steinernen Schluchten, ausgewaschen durch die Erosion. Es ist nicht weit, zum Glück nur ein kurzer Marsch durch die Hitze. Palmen kommen in Sicht, grüne Fächer, die Schatten werfen wie in der Südsee. Gelb und reif hängen die Datteln in den Wipfeln. Und dann kommt die Erlösung.
Pools und kleine Seen haben sich gebildet, kristallklares Wasser, das grün und türkis unter der Sonne leuchtet wie Verheißung. Wir erblicken Lagunen, Strände wie auf Bora-Bora.
Wir klettern auf eine Klippe. Mustafa sagt, dass er kurz vor der Kernschmelze stehe. Oman, Land der Märchen. Aber das hier ist keins. Wir schätzen: mindestens 50 Grad im Schatten – vor uns das blaue Paradies. Mustafa springt als Erster rein, wir folgen auf dem Fuße.
Geheiligte Oase. Ein Wunder! Ein Schwimmbad in der Wüste!
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