"Dieses Stück hat Sturm, Blitz und Hagel erlebt"

Interview mit Stefan Wolf, dem stellvertretenden Flottenchef des A320
Interview mit Stefan Wolf, dem stellvertretenden Flottenchef des A320
Aus dem Dienst ist die allererste Airbus-Maschine von Lufthansa inzwischen ausgeschieden. Doch in einer neuen Kollektion von Upcycling-Produkten lebt die Papa Alpha weiter. Stefan Wolf, stellvertretender Flottenchef des A320 in Frankfurt, über eine bewegte Flugzeuggeschichte.

Herr Wolf, vor Ihnen auf dem Tisch liegt ein Stück Metall ...

... für mich ist es mehr als nur ein Stück Metall. Das Material für diesen kleinen Schlüsselanhänger stammt aus einem Flugzeug, das ich viele Jahre lang selbst geflogen bin.

Was verbinden Sie persönlich mit dem Flugzeug?

Ich habe mit diesem Flugzeug einen Teil meiner bisher 13.000 Flugstunden zurückgelegt, da kommen insgesamt sicher mehr als 250 Erdumrundungen zusammen.

Wie haben Sie Ihren ersten Flug mit der Papa Alpha erlebt?

Ich weiß noch, wie ich eingestiegen bin und meine erste Gemütsregung war Staunen: Irre, dachte ich damals‚ wie gut sie das Flugzeug im Simulator nachgebaut hatten. Es verhielt sich genauso, wie ich es in der Schulung gelernt hatte.

"Für mich bedeutete es ein Mehr an Sicherheit"

Als es im Oktober 1989 zum ersten Mal zum Einsatz kam, wurde es als Meilenstein in der Geschichte des Flugzeugbaus gefeiert - was war so innovativ daran?

Mit der Papa Alpha ging ein Flugzeugmuster an den Start, das über eine ganz andere Logik der Steuerung verfügte als seine Vorgänger. Bis dahin bewegte man mit der Steuereinheit Drahtseile, die über Umlenkrollen wiederum die Ruderflächen bewegen, um die Maschine zu steuern. Mit dem neuen Airbus wurde das Prinzip "Fly by wire", "Fliegen per Kabel", neu definiert. Aus dem Draht wurde eine elektrische Verbindung. Man gab per Sidestick ein Steuersignal an einen Computer, der Position, Höhe, Geschwindigkeit und atmosphärische Daten berücksichtigte und den Eingabebefehl in Abhängigkeit von diesen Daten ausführte.

Welchen Unterschied hat es für Sie als Kapitän gemacht?

Für mich bedeutete es ein Mehr an Sicherheit. Denn in die Elektronik waren sogenannte "protections" eingebaut. Das bedeutet, dass Steuersignale aus dem Sidestick, die das Flugzeug in der aktuellen Situation in einen fliegerischen Grenzbereich bringen würden, gedämpft und eventuell korrigiert werden. Damit bleibt das Flugzeug jederzeit in einem stabilen Flugzustand.

Hatten Sie das Gefühl, damit mussten Sie die Kontrolle abgeben?

Es war zunächst ungewohnt, und ich erinnere mich noch an die Diskussion sowohl in der Fachwelt als auch im Kollegenkreis darüber, ob das neue System ein Eingriff in die Autorität des Piloten sei. Aber am Ende fliegt man definitiv noch selbst, man hat aber eine zusätzliche Kontrollinstanz und somit mehr Sicherheit.

Stefan Wolf betrachtet ein Lufthansa-Flugzeugmodell
Stefan Wolf erklärt die Funktionsweise des Sidesticks
Der Sidestick der Papa Alpha
"Ich hatte mal eine große Hochzeitsgesellschaft an Bord"

Woher stammt der Name Papa Alpha?

Der ergibt sich aus der Flugzeugkennung D-AIPA. D steht für das Land, A für motorisierte Flugzeuge mit einem Startgewicht von mindestens 20 Tonnen, I für den Hersteller Airbus und P wie Papa für den Flugzeugtyp A320-211. Der fünfte Buchstabe dient der Unterscheidung von gleichen Flugzeugtypen. Da der Airbus der erste dieses Typs in der Lufthansa Flotte war, bekam er das A wie Alpha.

Die Papa Alpha war fast 30 Jahre lang im Einsatz, flog auf Kurz- und Mittelstrecken 147 Ziele an, darunter Casablanca und Assuan, Jekaterinburg und Baku, und beförderte in der Zeit rund sechs Millionen Passagiere. Wie war das für Sie, als die Maschine im März 2020 ausgemustert wurde?

Man wird schon ein wenig wehmütig, gerade bei einem Flugzeug, das man so oft selbst geflogen hat. Da gab es einige Erlebnisse, die einen zusammengeschweißt haben. Wenn man zum Beispiel bei schlechtem Wetter einen anderen Flughafen ansteuern muss als man ursprünglich wollte oder einen technischen Defekt hat und trotzdem das Ziel sicher erreicht, so etwas vergisst man nicht. Ich hatte mal eine große Hochzeitsgesellschaft an Bord mit dem Ziel Mallorca. Da kamen Braut und Bräutigam mitsamt Anhang direkt aus der Kirche und stiegen in den Flieger. Die euphorische Stimmung war bei Passagieren und Besatzung während des ganzen Fluges zu spüren.

War das Flugzeug nach drei Jahrzehnten technisch überaltert?

Unabhängig vom Alter ist jedes unserer Flugzeuge durch regelmäßige Wartungsereignisse technisch in einem hervorragenden Zustand. Es entspricht andererseits aber ökologisch und ökonomisch nicht mehr den Vorgaben, die sich Lufthansa auferlegt hat. Im Vergleich zum A320 verwendet man in einem Airbus der neuen ‚Neo'-Serie leichtere Baustoffe und erzielt bessere Verbrauchswerte. Ein neues Modell verbraucht bis zu 20 Prozent weniger Treibstoff oder rund 500 Liter pro Stunde weniger. Das spart Ressourcen und Kosten und bedeutet somit auch weniger Emissionen.

"Ich bin ein großer Fan vom Upcycling, schon allein aus ökologischer Sicht"

Was passiert mit einem Flugzeug, wenn es aus dem Verkehr gezogen wird?

Etwa 90 Prozent der Materialien werden wiederverwertet. Zum einen Komponenten wie Computer und Triebwerke, aber auch die Hülle, in der hochwertige Metalle wie Titan und Duraluminium stecken, die man einschmelzen kann.

Doch nicht nur das Recycling hat sich die Lufthansa bei der Ausmusterung zum Ziel gesetzt, sondern auch das Upcycling - wie finden Sie das?

Ich bin ein großer Fan davon, schon allein aus ökologischer Sicht. Mir gefällt die Idee, hochwertige Ressourcen, die in einem Flugzeug stecken, in anderer, neuer Form weiterleben zu lassen. Dass sie nicht einfach zu Rohstoffen verarbeitet werden, sondern Designer dazu inspirieren, schöne Dinge zu entwerfen.

So wie Ihren Schlüsselanhänger, der jedem sagt: "Ich war ein A320"...

Das ist ein Teil, das aus der Flugzeughaut geschnitten wurde, und obwohl es noch weitere 30.000 davon gibt, ist jeder Anhänger ein Unikat. Manche sind weiß, auf anderen ist eine Spur vom gelben Kranich-Logo oder einem Schriftzug zu sehen. Das sind Preziosen mit großem, symbolischem Wert. Jedes Teil hat eine Geschichte, hat zigtausend von Flugkilometern absolviert, Sturm, Blitzschlag und Hagel erlebt.

Begeistern solche Andenken vor allem Menschen, die dem Flugbetrieb nahestehen?

Die Zielgruppe ist viel größer. Ich beobachte, dass überall in der Gesellschaft das Bewusstsein für Ressourcenverbrauch und Klimaschutz zunimmt, und Upcycling bietet eine Antwort, die auch das ästhetische Empfinden befriedigt. Außerdem hat jedes Produkt einen Nutzen unabhängig von seinem Hintergrund.

"Jedes Teil hat eine Geschichte, hat zigtausend von Flugkilometern absolviert"

Neben dem Schlüsselanhänger enthält die Lufthansa Upcycling Collection auch eine Wandbar aus der Flugzeughaut sowie verschiedene Coffee Tables, hergestellt aus Vorflügeln oder Bremsklappen, sowie Möbelstücke wie ein Sideboard oder eine Kabinentür-Bar. Was gefällt Ihnen ganz besonders?

Ich finde, dass der "Flying Coffee Table" schon auf den ersten Blick die Dynamik des Fliegens ausstrahlt. Das ist ein schönes Beispiel für das, was Upcycling transportieren kann. Es handelt sich hier um ein Stück vom Vorflügel, das innen ausgehöhlt und mit einer Aussteifung versehen wurde, um Gewicht zu sparen. Daraus ist ein neues Designobjekt entstanden, das zugleich Einblick in die Bauweise eines Flugzeugs bietet. Das finde ich faszinierend.

Und was gefällt Ihnen noch?

Ich weiß jedes Teil zu schätzen. Wichtig ist, dass zu jedem Upcycling-Produkt eine Information mitgeliefert wird. Der Kunde möchte wissen, woher sein Produkt stammt. Das macht jedes der Teile zu einem Unikat mit einer einzigartigen Geschichte dahinter.

In Kürze wird auch der A320 Papa Charlie ausgemustert und soll als Grundlage für neue Lifestyle-Produkte dienen - worin unterscheidet sich diese Maschine von der Papa Alpha?

Im Wesentlichen nur durch die unterschiedlichen Seriennummern. Beide Flugzeuge standen bei der Herstellung im Airbus-Werk in Toulouse nahe beieinander. Auch die Papa Charlie hat eine bewegte Geschichte, und ich freue mich darüber, dass sie durch die Upcycling-Kollektion bald ebenfalls wieder eine Zukunft hat.