60° 42' 50.9" N 135° 04' 33.3" W
Gleich hinter Whitehorse beginnt die Wildnis. Fährt man den Klondike Highway zwei Meilen nach Norden, öffnet sich eine Welt aus Kiefern, Bergen und 4.000 Meter hohen Gletschern. Eiskalte Flüsse strömen durch das Reich der indigenen Völker, die Tundra zieht sich bis zur Arktis. Ein Land voller Bisonherden, Lachse und Grizzlys.
Wasserflugzeuge kreisen über der Stadt, hinter der alten Bahnstation strömt der Yukon River. „North of Ordinary“ nennt sich die Region. Eine Destination nördlich der Komfortzonen. Im Winter stürzen die Temperaturen ab. Minus 40 bis 50 Grad sind keine Seltenheit. Die Autos hängen dann an Stromkabeln, sonst gefriert das Öl im Getriebe.
Allein die Namen lassen erschaudern. Yukon Territory, Klondike River. Alaska gleich nebenan, im Norden die Beaufortsee. Unten im Süden liegt der legendäre Chilkoot-Pass, hinter dem die Gebiete der alten Goldgräber begannen. Während des großen Goldrauschs 1896 fielen über 100.000 Stampeders hier oben ein. Horden von Glücksrittern, die ihr Leben riskierten, um zu schnellem Reichtum zu kommen. Statt Gold fanden viele Digger den Tod. Die Kälte, die Wölfe. Viele aus dem Süden hatten keine Ahnung, worauf sie sich einließen.
Wasserflugzeuge kreisen über der Stadt, hinter der alten Bahnstation strömt der Yukon River. „North of Ordinary“ nennt sich die Region. Eine Destination nördlich der Komfortzonen. Im Winter stürzen die Temperaturen ab. Minus 40 bis 50 Grad sind keine Seltenheit. Die Autos hängen dann an Stromkabeln, sonst gefriert das Öl im Getriebe.
Allein die Namen lassen erschaudern. Yukon Territory, Klondike River. Alaska gleich nebenan, im Norden die Beaufortsee. Unten im Süden liegt der legendäre Chilkoot-Pass, hinter dem die Gebiete der alten Goldgräber begannen. Während des großen Goldrauschs 1896 fielen über 100.000 Stampeders hier oben ein. Horden von Glücksrittern, die ihr Leben riskierten, um zu schnellem Reichtum zu kommen. Statt Gold fanden viele Digger den Tod. Die Kälte, die Wölfe. Viele aus dem Süden hatten keine Ahnung, worauf sie sich einließen.


Auch Jack London war hier. Der Mann, der den Seewolf schrieb. Der Mann, der dem Ruf der Wildnis folgte und daraus Weltliteratur schuf. Londons Geschichten machten den Yukon zum mythischen Ort. Whitehorse und Dawson City waren damals die Einfallstore in die Wildnis. In den Saloons trieb sich die wilde Bande herum. Hasardeure und Halunken, Zocker und Zahnlose, die um die Wette ballerten. Über allem der Duft von Gold und Dynamit.
Heute ist der größte Schatz die monumentale Natur des Yukon. Im Sommer kommen Kanuten, Paddler, Hiker, Kletterer. Andere wollen fischen, lassen sich zum Schneeschuhwandern in die Wildnis fliegen oder um die Nordlichter zu sehen. Nördlich von Whitehorse erstreckt sich eine halbe Million Quadratkilometer borealer Wälder, durchzogen von Kordilleren und menschenleeren Hochebenen. Deutschland würde fast zweimal in dieses Land hineinpassen. Und doch leben nur 43.000 Menschen hier. Der Yukon ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen Kanadas.
Heute ist der größte Schatz die monumentale Natur des Yukon. Im Sommer kommen Kanuten, Paddler, Hiker, Kletterer. Andere wollen fischen, lassen sich zum Schneeschuhwandern in die Wildnis fliegen oder um die Nordlichter zu sehen. Nördlich von Whitehorse erstreckt sich eine halbe Million Quadratkilometer borealer Wälder, durchzogen von Kordilleren und menschenleeren Hochebenen. Deutschland würde fast zweimal in dieses Land hineinpassen. Und doch leben nur 43.000 Menschen hier. Der Yukon ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen Kanadas.

Gleich hinter Whitehorse beginnt die Wildnis. Ein Land voller Bisonherden, Lachse und Grizzlys.
Wer hier wohnt und arbeitet, muss hartgesotten sein. Du solltest Holz hacken können, dich auf einem Motorschlitten wohlfühlen und nicht nervös werden, wenn plötzlich ein Schwarzbär auf dich zukommt.
An einem Dienstagmorgen steht Elise Brown-Dussault vor der Feuerwache des Yukon First Nation Wildfire Department. Die Kanadierin wuchtet schwere Motorsägen und einen Sack Überlebensausrüstung auf einen Truck. Sie und zwei Kolleginnen wollen in den Wald, um die Gegend vor Waldbränden zu schützen. „Ich habe schon viele Feuer erlebt“, sagt Elise Brown-Dussault. „Wir alle waren schon mittendrin.“
Im Notfall müssen die Feuerwehrfrauen die Brände am Boden sichern, müssen funken, rennen, klettern, löschen, während um sie herum die Hölle tobt. Brown-Dussault, 30, geht ins Lager der Firefighter, bereitet Sägen vor, Spitzhacken, Notrationen. „Wenn es sein muss, können wir zwei Wochen in der Wildnis überleben.“
An einem Dienstagmorgen steht Elise Brown-Dussault vor der Feuerwache des Yukon First Nation Wildfire Department. Die Kanadierin wuchtet schwere Motorsägen und einen Sack Überlebensausrüstung auf einen Truck. Sie und zwei Kolleginnen wollen in den Wald, um die Gegend vor Waldbränden zu schützen. „Ich habe schon viele Feuer erlebt“, sagt Elise Brown-Dussault. „Wir alle waren schon mittendrin.“
Im Notfall müssen die Feuerwehrfrauen die Brände am Boden sichern, müssen funken, rennen, klettern, löschen, während um sie herum die Hölle tobt. Brown-Dussault, 30, geht ins Lager der Firefighter, bereitet Sägen vor, Spitzhacken, Notrationen. „Wenn es sein muss, können wir zwei Wochen in der Wildnis überleben.“


Als taffe Ladys des hohen Nordens stehen sie und ihre Kolleginnen in einer Tradition, von der viele heute nichts mehr wissen. Denn schon während des Goldrauschs wagten sich auch einige Frauen in die harsche Wildnis: „The Pioneer Women of the Yukon“. Unternehmerinnen, Entertainerinnen, Lehrerinnen, Krankenschwestern, Journalistinnen, Bergarbeiterinnen, Hausfrauen. Damen, die weder Kälte noch Prügeleien fürchteten. Das MacBride Museum in Whitehorse schreibt: „Die wegweisenden Frauen im Yukon mussten willensstark und innovativ sein, um zu überleben, ihre Familien zu ernähren und Gemeinschaften im Norden aufzubauen.“
Einfach war das Leben unter den goldverrückten Diggern sicher nicht. Hunderte Männer verhungerten in den Wintern. In den Orten tummelten sich allerlei Ganoven, um einen schnellen Dollar zu machen. Ein Eldorado der Gesetzlosen. Eine der Damen, die den Männern Konkurrenz machte, hieß Kathleen Eloise Rockwell. Eine Sängerin aus Kansas, die nun den Yukon unsicher machte. Ihren Spitznamen trug sie bald wie einen Revolver. Gestatten: Klondike Kate.
Sie verdiente Geld als Stepptänzerin, doch auch sie suchte Gold. Zuletzt machte sie als Geschäftsfrau Karriere. Klondike Kate wurde zum Star des Yukon, machte 200 Dollar die Woche. Mehr als die meisten Goldsucher, die den Norden mit leeren Taschen verließen.
Einfach war das Leben unter den goldverrückten Diggern sicher nicht. Hunderte Männer verhungerten in den Wintern. In den Orten tummelten sich allerlei Ganoven, um einen schnellen Dollar zu machen. Ein Eldorado der Gesetzlosen. Eine der Damen, die den Männern Konkurrenz machte, hieß Kathleen Eloise Rockwell. Eine Sängerin aus Kansas, die nun den Yukon unsicher machte. Ihren Spitznamen trug sie bald wie einen Revolver. Gestatten: Klondike Kate.
Sie verdiente Geld als Stepptänzerin, doch auch sie suchte Gold. Zuletzt machte sie als Geschäftsfrau Karriere. Klondike Kate wurde zum Star des Yukon, machte 200 Dollar die Woche. Mehr als die meisten Goldsucher, die den Norden mit leeren Taschen verließen.
Zu den berüchtigten „Women of the Gold Rush“ gehörte auch Belinda Mulrooney. Mit dem Bau von Hotels, Beteiligungen an Claims und Bars wurde sie zur reichsten Frau am Klondike. Die beiden US-Amerikanerinnen Emma Kelly und Annie Hall Strong machten sich als Journalistinnen einen Namen. Und eine Harriet Pullen verkaufte erst Proviant an die Schürfer, handelte danach mit Pferden. Zum Schluss besaß sie das „Pullen House“, eines der besten Hotels im hohen Norden.
Auf alten Fotos sind die mutigen Frauen zu sehen. Sie sitzen am Yukon River, hinter ihnen die schneebedeckten Berge. Die frühen Ladys des Klondike krempelten nicht nur die Ärmel hoch. Vielleicht gehörten sie zu den ersten, die Kanada zu einem modernen Land machten.
Heute sind andere Frauen in ihre Fußstapfen getreten. Mandy Johnson zum Beispiel ist in Whitehorse geboren, wuchs am Yukon auf. Schon ihre Urgroßeltern besaßen eine Farm in Alberta. Mit fünf saß Mandy im Sattel, mit zwölf bot sie erste Ausritte an, um sich ein paar Dollar zu verdienen. Touren um Lake Laberge, auf Pferden in die Wildnis.
Auf alten Fotos sind die mutigen Frauen zu sehen. Sie sitzen am Yukon River, hinter ihnen die schneebedeckten Berge. Die frühen Ladys des Klondike krempelten nicht nur die Ärmel hoch. Vielleicht gehörten sie zu den ersten, die Kanada zu einem modernen Land machten.
Heute sind andere Frauen in ihre Fußstapfen getreten. Mandy Johnson zum Beispiel ist in Whitehorse geboren, wuchs am Yukon auf. Schon ihre Urgroßeltern besaßen eine Farm in Alberta. Mit fünf saß Mandy im Sattel, mit zwölf bot sie erste Ausritte an, um sich ein paar Dollar zu verdienen. Touren um Lake Laberge, auf Pferden in die Wildnis.


Nach dem Studium von Umwelt- und Naturschutz besitzt sie heute selbst eine Farm, wo sie mit ihrem Mann und den Kindern lebt. Und: mit 25 eigenen Pferden und 55 Alaskan Huskys. Mandy Johnson, 48, bietet professionelle Touren an, reitet dorthin, wo nicht einmal Helikopter hinkommen. Durch die Flüsse und Creeks, hinein in die Wälder und hoch zu den Camps in den Bergen. Von der Ranch fällt der Blick nach Norden. Vor der Haustür liegen die Grizzly Mountains, die Naturreservate und das Land der First Nations. „Einmal in der Woche fahre ich in die Stadt“, sagt Mandy. „Das reicht.“ Sie mag keine Mauern, keine Ampeln. In ihrem kanadischen Amerikanisch sagt sie das so: „I’m a country person.“
Neulich brachte sie Forscher zu den Geröllfeldern am Fuß des Yukon-Plateaus. Auf den Pferden, beladen mit Sack und Pack, brachen sie auf. Die Wissenschaftler wollten das Verhalten der Pikas studieren, die aus einmalig hohen Tönen bestehende Sprache der heimischen Pfeifhasen.
Neulich brachte sie Forscher zu den Geröllfeldern am Fuß des Yukon-Plateaus. Auf den Pferden, beladen mit Sack und Pack, brachen sie auf. Die Wissenschaftler wollten das Verhalten der Pikas studieren, die aus einmalig hohen Tönen bestehende Sprache der heimischen Pfeifhasen.
Oft gehen die Frauen heute Jobs nach, von denen die wilden Kerle von damals nicht einmal träumen konnten.


Für die Frauen von heute ist das Leben im harschen Norden normal geworden. Und nicht selten gehen sie am Klondike Jobs nach, von denen selbst die wildesten Kerle damals nicht einmal zu träumen wagten. Am nächsten Morgen steht Rachel Morris am Ufer des Schwatka Lake. Sie geht runter zum Wasser und steigt auf einen schmalen Steg. Ein Anleger für Wasserflugzeuge.
Morris, 41, ist Buschpilotin – nur eine von vielen am Yukon. 2011 kam sie nach Whitehorse und gehört inzwischen zu den erfahrensten Pilotinnen und Piloten hier oben. Zusammen mit ihrer Kollegin Joyce Rempel arbeitet sie für die kleine Fluggesellschaft Alkan Air. Die beiden fliegen Geologen, Minenarbeiter, Jäger und Fracht in die hintersten Winkel der Region. Oft heben sie mit Fässern voller Kerosin und Diesel ab, um entlegene Posten mit Treibstoff zu versorgen. Und wenn Paddler in der Wildnis abgesetzt werden wollen, schnallt Rachel Morris die Kanus einfach auf die Kufen ihrer Maschine und hebt ab.
Bis Old Crow und hoch nach Sack’s Harbour fliegt sie mit den Flugzeugen von Alkan Air. Dort landet sie neben der einzigen Siedlung auf Banks Island. Nur 100 Menschen leben an der Schwelle zur Arktis, neben den größten Gänse- und Moschusochsenpopulationen Nordamerikas.
Morris sagt: „Der Flug dorthin gibt dir eine Ahnung von den Dimensionen dieses Lands.“ Und nein, tauschen möchte sie mit keiner anderen Aussicht aus einem Cockpitfenster. Einmal Buschpilotin, immer Buschpilotin.
Morris, 41, ist Buschpilotin – nur eine von vielen am Yukon. 2011 kam sie nach Whitehorse und gehört inzwischen zu den erfahrensten Pilotinnen und Piloten hier oben. Zusammen mit ihrer Kollegin Joyce Rempel arbeitet sie für die kleine Fluggesellschaft Alkan Air. Die beiden fliegen Geologen, Minenarbeiter, Jäger und Fracht in die hintersten Winkel der Region. Oft heben sie mit Fässern voller Kerosin und Diesel ab, um entlegene Posten mit Treibstoff zu versorgen. Und wenn Paddler in der Wildnis abgesetzt werden wollen, schnallt Rachel Morris die Kanus einfach auf die Kufen ihrer Maschine und hebt ab.
Bis Old Crow und hoch nach Sack’s Harbour fliegt sie mit den Flugzeugen von Alkan Air. Dort landet sie neben der einzigen Siedlung auf Banks Island. Nur 100 Menschen leben an der Schwelle zur Arktis, neben den größten Gänse- und Moschusochsenpopulationen Nordamerikas.
Morris sagt: „Der Flug dorthin gibt dir eine Ahnung von den Dimensionen dieses Lands.“ Und nein, tauschen möchte sie mit keiner anderen Aussicht aus einem Cockpitfenster. Einmal Buschpilotin, immer Buschpilotin.
Über dem Yukon scheint die Sonne. Ein leichter Wind aus Südwest weht über das Wasser. Morris prüft den Sprit, den Ölstand. Setzt sich ins Cockpit und bereitet die Maschine vor. Dann startet sie den Motor und bringt die Turbine auf Umdrehungen. Am Ufer wirbelt Staub auf, zittern die Bäume.

Rachel Morris liebt den Yukon und würde mit niemandem tauschen. Einmal Buschpilotin, immer Buschpilotin.

Weit über ein Jahrhundert ist seit den alten Tagen des Goldrauschs vergangen. Epochen des Aufbruchs, Dekaden der Emanzipation. Manche Dinge aber haben sich kaum verändert. Vielleicht ist es der Norden. Die Flüsse, die Berge. Die Kiefern, die Bären und die Kraft eines großen, freien Himmels. Oben am Yukon haben sich die Ladys schon immer an eine Devise gehalten: Sie tun, was sie nicht lassen können.







