Frauen spielen zu hartem Rock, junge Leute tanzen zu angesagten Pipe Bands. Der Dudelsack war nie weg und startet aktuell ganz neu durch: Mit voller Lautstärke zurück in die Zukunft!
Es dauert nie lange, bis in Schottland irgendwo ein Dudelsack ertönt. Über den Loch Lomond ziehen an diesem Morgen schwere Wolken, als mitten in die schottische Landidylle auf einmal der markige Ton dreier Bordunpfeifen kracht. Es ist der Sound einer Great Highland Bagpipe. Die klassische Version des schottischen Nationalinstruments.

Irgendwo spielt in Schottland immer ein Dudelsack.
Weiterfahrt nach Westschottland. Verlassene Fjorde schneiden in die Landschaft, Loch Long, der Sound of Bute. Alte Brücken inmitten torfiger Hügelwelten. Über die Flüsse zieht Nebel, Burgen stehen auf kleinen Inseln. Tags darauf erklingt das volle schottische Musikprogramm. Die alte Hafenstadt Oban, Tor zu den Hebriden, feiert den Remembrance Day.
Vor dem Corran Halls versammeln sich Mitglieder mehrerer Pipe-Bands. Um Punkt zehn marschiert die Parade über die Esplanade bis zum Denkmal an der Oban Bay. Mit am Start: an die hundert Dudelsäcke! Die Musik ist würdig, ernst, erhaben. Die Menschen schreiten und schweigen. Manchen kommen an diesem Morgen die Tränen.
Ein urschottisches Instrument? Von wegen.
Auf Feiern, an Gedenktagen, zu offiziellen Anlässen – Dudelsackmusik kommt in Schottland überall zum Einsatz. Die vielköpfige Pfeife ist zum Aushängeschild avanciert. In den Souvenirshops hängen Schlüsselanhänger in Dudelsackform, Motive stolzer Piper zieren Keksdosen, Flachmänner, Hotellobbys.

Dabei stammt der Dudelsack gar nicht aus Schottland. Seine Vorläufer wurden schon im antiken Ägypten gespielt, bis die Römer die Sackpfeife in ganz Europa verbreiteten. Bauern spielten den Dudelsack auf Festen, Schafhirten vertrieben mit seinem lauten Ton die Wölfe.
In Großbritannien stieg die Pfeife mit dem ledernen Luftsack um 1400 zum Instrument der Wahl auf. Das Militär blies zum Marsch. Doch mit der Historie ist es so eine Sache. Die Schotten halten sie in Ehren – aber manchmal pfeifen sie auch drauf.
Dudelsack bis zur Ekstase

Sieht so eine Stadt aus, die schnell in Ekstase gerät? Die Antwort lautet Ja, denn hinter den Pub-Türen spielt die Musik.
Oban am Abend. Nässe steht auf der Promenade, an den Kaimauern liegen Fischkutter. Das leise Klackern unserer Kofferrollen an regennassen Bordsteinkanten und auf Pflastersteinen bildet zeitweise die einzige Geräuschkulisse. Es wird früh dunkel. Eine kühle Nacht. Nicht weit jedoch, vor einer kleinen Bar im Souterrain, stehen die Menschen Schlange.

Kein Problem für unseren Koffer: In Schottland scheinen die Straßen etwas nasser zu sein als im Rest der Welt.
Im Markie Dans gibt es wie jedes Wochenende Livemusik. Um zehn spielt die Band die ersten Songs. Zwei Gitarren, begleitet vom nasalen Dröhnen des Dudelsacks. Keine Viertelstunde später kocht der Laden. Die Gäste tanzen, schnelle Jigs, den wilden Ceilidh Dance. Einen alten Scheunentanz, bei dem sich die Balken biegen.

Junges Publikum, ausgelassene Abende: Der Dudelsack ist hier alles andere als angestaubt.
Es sind junge Leute, die zur Musik tanzen. Frauen in Sneakers, Männer in Jeans und Boots. Der Sound klingt frisch. Moderner Folk-Rock statt Geschunkel, Country-Punk statt Reitermarsch. Der alte Dudelsack erfindet sich gerade neu.
Virtuosen um Glasgow, Central

In Glasgow spielt die Musik.
Wer das Epizentrum dieser musikalischen Redefinition erleben will, muss nach Glasgow. Rund um den Bahnhof, Glasgow Central, pocht das Leben. Coffeeshops, Galerien, Tattoostudios. Und allerorten: Musik! Die Pubs der Stadt sind voll. An den Biertischen sitzen Geiger:innen und Gitarrist:innen, umrankt von tanzenden Gästen. Mittendrin der Dudelsack.
Nur eine Meile die Hope Street hoch hat heute eine Institution ihren Sitz, über deren Portal in goldenen Lettern steht: The National Piping Centre. Das Zentrum der schottischen Dudelsackmusik.
Im Fenster hängen Bagpipes, oben der Konzertsaal. Wer das Institut betritt, dem fliegt sogleich Musik entgegen. Mixolydische Tonleitern, keltische Melodien. Die Klänge kommen aus dem Keller, wo die Übungsräume liegen.

Beherrscht den Dudelsack wie kaum ein anderer: Finlay MacDonald.
Dann kommt er die Treppe hinab, man könnte ihn den George Clooney des Dudelsackspiels nennen. Finlay MacDonald, 49, Jeans, dunkles Hemd,
dunkelgraue Haare. Er würde es niemals selbst sagen, doch MacDonald ist einer der besten Bagpiper des Vereinigten Königreichs.
„Unglaublich, wohin mich das Instrument schon gebracht hat“, sagt er. China, Japan, Kanada. Indien, Thailand, Afrika. Immer sei irgendwo ein Konzert oder würden Gastspiele organisiert. Denn auch wenn es kaum jemand weiß: Die Welt spielt Dudelsack! Das Reisen ist seither Teil von MacDonalds Lebens – dank der Musik.
Traditionelle Stile bewahren, Weltoffenheit jedoch als Weg verstehen, um die Musik in die Moderne zu tragen, darin sieht das National Piping Centre eine wichtige Aufgabe. MacDonald sagt das so: „Leave the frame, don’t stay safe.“ Es sei wie im Leben. „Wenn du nichts Neues probierst, schrumpfst du.“
Ein Piper auf den großen Bühnen dieser Welt
Am Nachmittag sitzt Finlay MacDonald im Übungsraum, packt sein Instrument aus. Das Solieren auf dem Dudelsack ist eine Kunst für sich. Seine Finger fliegen über die acht Löcher der Flöte. Biegen die Noten, entdecken Zwischenräume. Die Magie des Spiels.
MacDonalds Spielkunst hat schon viele begeistert. Er hat mit Bryan Adams gespielt, mit weltberühmten Rappern und Rockbands. Viele Kompositionen stammen aus seiner Feder. Mit der Band Biffy Clyro stand er auf großer Bühne: 60.000 Menschen jubelten ihm zu, als er auf dem größten
Musikfestival Schottlands seinen Dudelsack auf die tobende Menge losließ.
Schottland neue Dudelsack-Stars sind weiblich

Der Dudelsack-Nachwuchs ist gesichert – und oftmals weiblich, so wie Anna Smart.
Am nächsten Abend findet im Konservatorium ein Konzert statt. Und keineswegs nur Männer spielen das Nationalinstrument. Die Zahl der Lady Piper wächst rasant. Unter den Musikerinnen bereitet sich auch Anna Smart vor, eine der begabtesten Dudelsackspielerinnen Schottlands.
Sie begann mit sechs. Zehn Jahre später spielte Smart bereits in den bekanntesten Formationen des Landes. Auch sie hat das klassische Spiel erlernt, doch dann brachen neue Zeiten an. Anna Smart, heute 26, stieg bei den Rollin Drones ein, einer Band, die den Dudelsack in die Pop- und Rockmusik trägt.

Heute spielt sie auch für Country-Musiker:innen und Bands wie Anna Smart und The Laurettes, eine Frauenformation, die ihre Dudelsäcke gern mal in Cowboystiefeln und kurzen Röcken spielt.
„Der Dudelsack legt gerade seine Klischees ab", sagt Anna Smart. Inzwischen gibt es einige Bands, die das Instrument zu Rock, Pop und sogar Heavy Metal spielen. Die Red Hot Chilli Pipers, Drums N’Roses.
Laut, schottisch und verdammt cool

Emma Hill ist gerade einmal 23 Jahre alt und schon Profi-Musikerin.
Musik als lebendige Sprache, so begreift auch Emma Hill ihre Passion. Hill, 23, ist Absolventin des Royal Conservatoire of Scotland mit Abschluss in klassischer Musik. Heute lebt sie von der Musik. Eine der jungen Frauen, die Schottlands Dudelsack in einem modernen Kontext auferstehen lassen.
„Das Instrument ist vielseitig“, sagt Emma Hill. „Ich mag die alten Märsche und Lamentos, aber zu moderner Musik passt die Bagpipe auch sehr gut. Du hörst den Dudelsack sofort raus, als wolle er sagen: Alle mal herhören – jetzt komme ich!“
Hill spielte schon auf Modeshows von Dior, macht bei Soul- und Popsänger:innen mit. Sie hat ein Trio gegründet, mischt Tradition mit Jazz. Regelmäßig unterrichtet sie in den sozialen Brennpunkten von Glasgow. Den Dudelsack lieben die Kinder. Er ist laut, schottisch und sieht verdammt cool aus.
Am frühen Abend steht sie für ein Fotoshooting vor einer Glasgower Metrostation. Natürlich mit Dudelsack. Die Wände sind voller Graffiti. Hill trägt Stiefel, Lederjacke. Nach und nach bleiben Passant:innen stehen, drehen sich um und hören zu. Als Hill zu spielen beginnt, füllt der Sound den gesamten Tunnel aus.
Es klingt fast wie eine Fanfare. Los, Leute, auf geht’s! The times they are a-changing.

















